Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, was Menschen mit sich anstellen, ohne es zu wissen. Spräche man sie darauf an, wären sie zutiefst beleidigt:
Wissen Sie eigentlich, dass Sie ständig die Knie durchdrücken? Das lange Stehen in der U-Bahn wäre wesentlich weniger anstrengend, wenn Sie das nicht tun würden. Oder: Seit einer Viertelstunde warte ich jetzt darauf, dass Ihnen beim Schlafen das Handy aus der Hand rutscht. Sie haben eine SMS bekommen, Sie haben zufrieden gelächelt und geantwortet, und dann sind Sie eingeschlafen. Eine Viertelstunde lang befinden sich Ihr Arm und Ihre Hand in einer Handy-Starre. Stecken Sie es gelegentlich auch mal in die Tasche?
 
            Menschen sind extrem anpassungsfähig. Dort, wo Wohlstand herrscht, versuchen sie meist, den Erwartungen einer Hochleistungs-, Dienstleistungs-, Konsum- und Informationsgesellschaft zu entsprechen. Handy und Computer oder am besten Beides in Einem sind dazu natürlich unentbehrlich. Nicht wenige junge Leute jobben, nur um ihr Handy finanzieren zu können.
 
Außerdem gibt es noch viele andere Zwänge, denen Sie nur dann nicht ausgeliefert sind, wenn Sie das Glück hatten, als Kind in einer Umgebung des Vertrauens und der Geborgenheit groß zu werden. Dann nämlich hatten Sie ausreichend Zeit und Raum, um wichtige sensorische und motorische Erfahrungen zu machen, die für eine gesunde Entwicklung unabdingbar sind. Dann konnten Sie Ihre eigenen Schwächen und Stärken ausloten und die Fähigkeit ausbilden, sich selbst immer wieder auszubalancieren – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
 
Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die Stress als die Krankheit des 21. Jahrhunderts prognostizieren. Dem könnte dadurch entgegen gewirkt werden, dass unsere Selbstwahrnehmung geschult wird. Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass wir kaum noch spüren, wann wir uns körperlich und seelisch überfordern und uns dabei schreckhaft zusammen ziehen. Wir haben uns daran gewöhnt, uns anzustrengen oder aufzuregen und kommen selten auf die Idee, dass dies in vielen Fällen gar nicht notwendig wäre. Wir bauen entweder zu viel oder zu wenig Muskelspannungen auf, indem wir auf weitgehend unbewusste Reaktionsmuster zurückgreifen.
 
Wer dagegen die Erfahrung gemacht hat, dass er sich selbst immer wieder neu in ein körperliches und seelisches Gleichgewicht bringen kann – beides ist nicht voneinander zu trennen -, kann flexibler auf seine Lebensumstände reagieren. Damit beschert ihm der Alltag wesentlich weniger Stress.