Persönliches
Stress? Von Geburt an. Ich war ein nerviges Schreibaby. Später wurde mir Stress gemacht: Halt die Luft an! Reiß dich zusammen! Iss manierlich! Benimm dich ordentlich! Sitz gerade! Beiß die Zähne zusammen! Hör zu! Pass auf! Du sollst nicht denken, du sollst das Richtige tun! Unmöglich für eine Träumsuse wie mich. Stresshormone? Bei mir sind sie Tag und Nacht aktiv und ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit.
Charakter soll das Konglomerat von Verhalten sein. Mit etwa 40 Jahren beschloss ich, mein Verhalten zu ändern; denn ich hielt meine eigenen Stressreaktionen nicht mehr aus.

Menschen unter Dauerstress ziehen sich zusammen, machen sich kleiner, als sie von Natur aus sind. Dieser Zustand ist für sie etwas Normales. Aber sie fühlen sich dabei nicht wohl. Sie suchen nach Ausgeglichenheit, haben aber den Zugang dazu verloren. Für mich bedeutete die Alexander-Methode die Rettung. Schon die erste Stunde war eine Erlösung: ich zog meinen Kopf nicht mehr ein! Während der halbstündigen Rückfahrt schwebte er frei beweglich auf meiner Halswirbelsäule. Ich musste den Rückspiegel verstellen, weil ich um ein paar Zentimeter gewachsen war. Dieses wunderbare Körpergefühl wollte ich immer wieder haben.
Nach und nach entwickelte ich die Fähigkeit, mit mir selbst achtsamer umzugehen und auf die zahlreichen inneren und äußeren Stressoren nicht mehr nur mit einem unbewussten Reiz-Reaktions-Muster zu antworten. Ich probierte aus, lernte durch Fehler, wie ein Kind. Heute, zwanzig Jahre später, stehen mir mehr geistige und körperliche Ressourcen zur Verfügung als damals. Ich bin beweglicher geworden und offener und traue mir selbst auch mehr zu.
Experten bezeichnen krankmachenden Stress als eins der zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts. Nach meiner Überzeugung hängt er ursächlich mit einer weit verbreiteten fehlerhaften Sinnes- und Selbstwahrnehmung zusammen. In unserer Gesellschaft wird der sechste Sinn, der kinästhetische oder Körper-Sinn, größtenteils ignoriert. Gepflegt wird er erst recht nicht. Eine natürliche, unverkrampfte Körperhaltung und die Leichtigkeit von Bewegungen ist für die Meisten hier zu Lande ein Buch mit sieben Siegeln. Damit fängt der Stress aber schon an.
Umgekehrt wäre es ein Leichtes, Kindern im Kindergartenalter solche Bewegungsanreize zu geben, bei denen sie ihre eigenen Grenzen ausloten und ihrem eigenen Rhythmus gemäß erweitern könnten. Einzige Voraussetzung: die Prinzipien einer gesunden Beweglichkeit sind auch in der Erwachsenenwelt hinreichend bekannt. Haltungsinsuffizienzen, motorischen Schwächen und Verschleißerscheinungen, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen wäre nachhaltig vorgebeugt, eine solide Basis für eine gesunde psychische und kognitive Entwicklung wäre geschaffen.
Dies ist meine Vision: die Freude an der eigenen Bewegung (an der äußeren und inneren Dynamik) schützt gegen Stress, gibt persönlichen Freiraum und fördert Offenheit, Flexibilität und Kreativität.
1. Fotobuch ALLUSIONEN


