Warum "Körperdynamik"?
Haben wir einen Körper oder sind wir unser Körper? Wie sehen wir das? Wie sehen wir uns selbst?
Fühlen wir uns durch unseren Körper in irgendeiner Weise eingeschränkt? Oder sehen wir in ihm ein herrliches Geschenk, das uns zeitlebens zur Verfügung steht? Ein Instrument, das sich im Verlauf der Evolution zur Krönung der Schöpfung entwickelt hat, weil es über ein riesiges Potential verfügt? Ein Instrument, das unser Eigen ist, das wir benutzen dürfen und auf dem wir zu unserem eigenen Wohlbefinden spielen dürfen?
Sind wir mit der Dynamik, der vitalen Energie und Kraft unseres eigenen Körpers vertraut? Ist sie uns bewusst? Haben wir sie schon ausreichend erkundet? Gebrauchen wir sie auf eine Weise, die es uns ermöglicht, uns mit Leichtigkeit zu bewegen - anstatt unseren Körper mehr oder weniger gebeugt und angestrengt durchs Leben zu schleppen?
Trifft Letzteres zu, leiden wir unter Stress, der Krankheit des 21. Jahrhunderts. Dann stehen uns die Ressourcen unseres Körpers nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung. Einen Teil tragen wir unwissentlich selbst zu dieser Situation bei, indem wir durch ein ungünstiges Bewegungsverhalten die komplexen Prozesse in unserem Körper an ihrem reibungslosen Funktionieren hindern. Wenn man das weiß, kann man es ändern.
Bisher gehören ausreichende körperdynamische Erfahrungen leider nicht zu unserer Bildung und Kultur. Der Aufbau eines guten Selbst- und Körperkonzeptes ist aber ein solides Fundament für die persönliche Lebensgestaltung. Die ausreichende Stimulation der Selbstwahrnehmung bzw. des Körper- oder Bewegungssinns ist eine grundlegende Voraussetzung für eine gesunde körperliche, geistige und seelische Entwicklung. Um hierauf aufmerksam zu machen, nenne ich meine Webseite „Körperdynamik“.
Bewegung fängt im Kopf an
A. Kognitives
Als Philologin liebe ich die Sprache. Als kognitive Linguistin habe ich mich mit der Variabilität von Wortbedeutungen und der Systematik ihrer Kombination beschäftigt. Auch Wortbedeutungen sind etwas äußerst Dynamisches. Sie entstehen nämlich in den Köpfen von Menschen mit sehr verschiedenen persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen. Hin und wieder kommt es zu Missverständnissen, die ihrerseits zum Teil heftige körperliche Reaktionen zeitigen: Stress.
Eine Zeitlang arbeitete ich im Rahmen der Artificial Intelligence, konnte mich aber als fantasiebegabte Philologin Informatikern nur schwer verständlich machen. Im Laufe der Jahre baute ich aus diesen und aus anderen Gründen starke muskuläre Verspannungen auf. Für mich erwies sich die Alexander-Technik-Ausbildung als ein praktikabler Lösungsweg um zu lernen, mich während des ganz normalen Alltagsgeschehens nicht nur auf die unbewussten Prozesse meines Reptiliengehirns zu verlassen, sondern hin und wieder auch meinen sprachlichen Verstand zu nutzen. Ganz allmählich entwickelte ich ein Bewusstsein dafür, wie ich mich weniger reaktiv verhalten konnte. Als Selbstregulationsmethode hat sich die Alexander-Technik bewährt, um eine Kultur des wechselseitigen Verstehens pflegen zu können.
B. Sensorisches
Eine wichtige Grundlage für wechselseitiges Verstehen sind unsere Sinne. Wie viele Sinne haben wir eigentlich? Wie benutzen wir sie? Welche Sinne haben wir besonders gut ausgebildet, welche weniger gut? Wir koordinieren die vielfältigsten Sinnesdaten und fügen sie zu einem Gesamtbild zusammen, über uns selbst und über die Außenwelt, indem wir die Außenreize und die Signale, die aus unserem Körperinneren kommen, integrieren. Dabei prägen sich uns diejenigen Wahrnehmungen, die für uns besonders wichtig sind, deutlicher ein als andere. Viele Missverständnisse entstehen durch Differenzen in den Wahrnehmungen und Differenzen in den emotionalen Bewertungen dieser Wahrnehmungen. Eins ist sicher: wir müssen uns auf unsere Sinnesdaten verlassen können, um uns in der Welt und mit uns selbst zurechtzufinden, um Entscheidungen zu treffen und handeln zu können. Neurowissenschaftler haben mittlerweile erkannt: hier liegt Einiges im Argen.
C. Defizitäres
Das ist aber den Wenigsten bewusst. Welches Bewusstsein haben wir zum Beispiel von unserem kinästhetischen Sinn, der auch Körpersinn oder Bewegungssinn genannt wird? Ich fürchte, sogar viele gebildete Menschen wissen überhaupt nicht, dass sie einen solchen Sinn haben. Von dem guten Funktionieren dieses Sinnes hängt aber unser Geschick ab, mit der Schwerkraft umzugehen. Verbogene und zusammengestauchte Wirbelsäulen, kaputte Knie- und Hüftgelenke, verspannte Schultern und ein ständiges inneres Rauschen sind deutliche Hinweise darauf, dass wir unseren kinästhetischen Sinn permanent ignorieren. Menschen steht es frei, sich durch ihre alltäglichen Handlungen entweder gesund zu erhalten oder zu schaden. Wenn sie den Bewegungssinn ignorieren, schaden sie sich, weil ihre Eigenwahrnehmung bzw. Propriozeption nicht mehr stimmt. Ihr Gehirn verbucht fehlgesteuerte Sinneswahrnehmungen als normal.
Mittlerweile ist es amtlich, dass bereits jedes zweite Schulkind Haltungsdefizite hat. Den Fachleuten ist klar: eine gute und ausreichende Bewegungsstimulation ist für die gesunde körperliche, geistige und seelische Entwicklung von Kindern unerlässlich. (www.kidcheck.de;www.familienhandbuch.de;www.haltungundbewegung.de).
Jedes dritte Schulkind fühlt sich häufig krank und reagiert auf Stress des Öfteren mit Kopfschmerzen, jedes vierte Kind mit Bauchschmerzen (www.lbs.de). Stress fängt mittlerweile bereits im Kindergarten an, und so genannte Zivilisationskrankheiten gehören eher früher als später zum Alltag.
D. Programmatisches : Flow im Alltag
Praktische Erfahrungen mit den Prinzipien eines gesunden Bewegungsverhaltens sind hier äußerst nützlich. Sie sind der allgemeinen Gesundheit ähnlich förderlich wie die Einsicht in die Notwendigkeit von Zähneputzen und gesunder Ernährung. Es gibt seit Tausenden von Jahren ein fundiertes Wissen um die Kultivierung eines intakten kinästhetischen Sinns. Leider gehört dies (noch) nicht zu unserem Gesundheitsbildungsprogramm.
Was ist eine natürliche Körperhaltung, was ein gesundes Bewegungsverhalten, was ein geschickter Umgang mit der Schwerkraft? Wie kann man solche Fertigkeiten zurück erwerben, wenn man denn diesbezügliche Defizite bei sich beobachtet? Zwar hat sich herumgesprochen: Bewegung ist gesund! Aber hier zu Lande gibt es keine Tradition, die eine mühelose Körperhaltung und Flowgefühle vermittelt. Das ist bei afrikanischen Wasserträgerinnen vollkommen anders. Sie haben etwas gelernt, wovon die meisten Menschen in unserer Region keine Ahnung haben: sich mit der Schwerkraft aufzurichten anstatt gegen sie. Das Sich-gegen-die-Schwerkraft-aufrecht-halten-müssen ist eine höchst anstrengende und längerfristig auch sehr schädliche Angewohnheit, die dem menschlichen Design und Wohlbefinden absolut zuwider läuft.
Experten kennen dies Problem, und sie wissen auch, wie man ihm entgegen steuern kann. Jede Bewegung besteht eigentlich aus zwei Bewegungen: einer vorbereitenden Längung der Wirbelsäule und der eigentlichen Bewegungshandlung. Leider weiß der stressgeplagte Mensch von heute davon sehr wenig; denn bevor er sich bewegt, verleiten ihn seine Gedanken und schlechten Bewegungsgewohnheiten zur Verkürzung seiner Wirbelsäule. Langsam aber sicher hindert das den Organismus am guten Funktionieren.
Es gibt Therapien bzw. Lernmethoden, mit deren Hilfe man unbewusste schädliche Bewegungsmuster erkennen und reduzieren, sein eigenes Reaktionsverhalten verbessern und seine fehlgesteuerten Sinneswahrnehmungen korrigieren kann. Ein Pionier auf diesem Gebiet war der Australier Frederick Matthias Alexander (1869 – 1955), der Begründer der Alexander-Technik. Leider ist diese Selbstregulationsmethode vornehmlich unter Künstlern, Spitzensportlern oder Spitzenmanagern bekannt, die sie anwenden, um Zugang zu ihrem eigenen Potential zu finden. Mir scheint, allmählich sollten ihre durchaus praktischen und auch gar nicht so schwer zu begreifenden Prinzipien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Kinder nehmen sie spielerisch auf. Erwachsene, die sich noch ein bisschen Experimentierfreude bewahrt haben, ebenso.
„Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.“ Dieses Zitat von Aldous Huxley habe ich mit großem Vergnügen auf der Homepage der Gesellschaft für Posturologie entdeckt; denn Aldous Huxley war ein Schüler und Freund von Alexander, wie viele andere gebildete Zeitgenossen (z.B. der amerikanische Sozialpädagoge John Dewey) auch. In der Posturologie ist neuroanatomisches und neurophysiologisches Wissen über das Funktionieren des menschlichen Haltungssystems und seiner Störungen zusammen gefasst. „Die globale Reprogrammierung bzw. posturale oder somatosensomotorische-sensorielle Rekalibrierung des Haltungssystems“ ist ihr Programm (www.posturologie-zentral.de).
Es bedarf einer interdisziplinären Zusammenarbeit, um Konzepte zu entwickeln, die einer breiteren Öffentlichkeit und insbesondere Kindern hinreichende Möglichkeiten der Bewegungsstimulation ermöglichen. Das Thema Bewegungsverhalten sollte eingebettet sein in ein umfassenderes bildungspolitisches Ziel: die Fähigkeit zu fördern, bewusste Handlungsentscheidungen zu treffen, die an die Stelle automatischen, unkontrollierten Reiz-Reaktions-Verhaltens treten. Solche hochkomplexen Prozesse, die zu einer gesunden körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung unentbehrlich sind, kann man durch mehr Bewusstheit bei Alltagsbewegungen unterstützen.


